Stefan Tillmann:
Lesung aus dem Home Office

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© Patricia Schichl

„Nie wieder Fußball!“ – mit diesem Roman schaffte es Stefan Tillmann 2014 unter die Nominierten für das Fußballbuch des Jahres. In der sportfreien Zeit ist der Buchtitel des Executive Creative Directors von TERRITORY wieder brandaktuell. Zuletzt las er deshalb seinen Kolleginnen und Kollegen über einen Livestream aus dem Buch vor. Im Interview spricht der Autor über diese Erfahrung, seinen veränderten Alltag und ideale Konzentrationsphasen im Home Office.


Für deine Kolleginnen und Kollegen von TERRITORY hast du neulich online eine Lesung aus deinem Buch „Nie wieder Fußball“ geboten. Wie war das für dich – vorzulesen ohne dein Publikum zu sehen?
Es war sehr merkwürdig, weil man überhaupt kein Gefühl dafür bekommt, wie etwas ankommt. Und man hört sich umso mehr selbst sprechen, und das ist selten eine gute Idee… Aber es hat natürlich trotzdem Spaß gemacht.

Gerade in diesen Tagen, wo der Bundesliga-Fußball stillsteht, ist der Titel aktueller denn je. Was hat dich damals dazu gebracht, das Buch zu schreiben?
Jeder Fußball-Fan kennt das Gefühl, dass man sich das alles nicht mehr antun will. Ich dachte damals als Journalist, dass so eine Selbsthilfegruppe eine gute Reportage wäre. Mir war aber schnell klar, dass es die nicht gibt und dass ich die Geschichte selbst erfinden muss.

Wie fielen die Rückmeldungen aus, die du von Fußball-Fans zu deinem Buch erhalten hast?
Das Buch kam insgesamt sehr gut an. Fußballfans können sich damit sicher identifizieren. Für alle anderen bleibt ein geplanter Fußballentzug vermutlich so rätselhaft wie die Fußballleidenschaft selbst.

Mit deinem persönlichen Exit aus dem Fußballgeschäft hat es auch nicht geklappt. Die Lesung hast du im Trikot von Fortuna Düsseldorf gehalten.
Ja. Fußball ist immer mir noch absurd-wichtig. Natürlich gibt es sehr viel wichtigere Sachen, aber es bleibt ein faszinierendes Paralleluniversum, eine Gefühlswelt, in die man sich immer wieder hineinsteigern kann.

Aufgrund des Corona-Virus steht der Fußball aktuell still. Wir alle verbringen viel Zeit zu Hause. Dürfen wir uns jetzt auf ein neues Buch von dir freuen?
Lust hätte ich. Der Roman hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, auch wenn ich heute manches anders machen
würde. Das Schreiben erreicht eine ganz andere Intensität, wenn man die Figuren selbst erschafft. Es ist ein bisschen wie beim Musikmachen. Aber es bleibt eine Frage von Zeit und Geld. Die Tendenz geht gerade eher zu einem Kinderbuch, da habe ich auch schon eine Idee.

Wie gestaltest du aktuell deinen Alltag?
Ein großer Unterschied zu sonst ist: Ich stelle mir keinen Wecker mehr. Mit zwei kleinen Kindern wacht man früh genug auf, um gegen 9 Uhr am Computer zu sitzen. Ansonsten kommen wir tatsächlich sehr gut zu recht. Ich genieße, die Kinder so viel zu sehen, und ich glaube, sie auch. Zugleich wächst aber die Sehnsucht nach Normalität und Bewegungsfreiheit.

Neben deinem Job als Executive Creative Director bist du auch noch Dozent an der Deutschen Journalistenschule. Wie funktioniert da aktuell die Lehre?
Über Google-Meet. Zusätzlich erarbeitet die Schule gerade, wie bei Bedarf Treffen vor Ort möglich gemacht werden können. Der nächste Block beginnt diese Woche, und ich bin gespannt, wie das funktioniert.

Wie wird sich dein Berufsalltag langfristig durch die Corona-Pandemie verändern? Welche persönlichen Lehren ziehst du aus der aktuellen Situation?
Ich glaube, dass Firmen sich noch stärker überlegen werden, wann sie eine Agentur buchen. Das heißt, wir müssen die Kunden in anderer Form betreuen und teils andere Produkte anbieten. Ganz persönlich war mir immer klar, dass auch eine sicherheitsverwöhnte Generation wie meine noch große Krisen erleben wird. Deswegen hat mich Corona noch nicht aus der Bahn geworfen. Aber die größte Herausforderung ist sicher die ökonomische und gesamtgesellschaftliche. Und da stehen wir ja erst am Anfang.

Wie klappt es mit dem Home Office an sich? Was läuft gut und wo gibt es noch Luft nach oben?
Ich war immer schon ein Home-Office-Fan. Pendler wie ich gewinnen echte Lebenszeit. Mit Kindern muss man aber sehr genau abwägen, was man wie macht. Da gehen manche Calls auch schon mal in die Hose.

StefanTillmann Buch TS
Stefan Tillmanns Buch „Nie wieder Fußball“ | © Werkstatt Verlag

Was kannst du denn für die Arbeit im Home Office empfehlen?
Ich bin schon lange ein Verfechter davon, die beiden Konzentrationsphasen des Tages voll auszunutzen. Die sind bei fast allen Menschen gleich: ab 9 Uhr und ab 16 Uhr jeweils zwei bis drei Stunden. In Summe sind das sechs Stunden effektive Arbeit. Dazwischen – zwischen 12 und 16 Uhr – macht man am besten eine lange Pause. Damit spart man sich das Arbeiten im langen Mittagstief, das sowieso nichts bringt und nur die späte Konzentrationsphase zerstört. Ich habe das früher häufiger gemacht und es klappt sensationell. Aktuell kriege ich das nicht hin. Eine lange Mittagspause erfordert erstaunliche Disziplin.

Und wenn man sich daran versuchen möchte: Welche Ratschläge hast du für die Gestaltung der Mittagspause?
All das tun, wozu man sonst nicht kommt und was einen unterbewusst stresst: Friseur, Einkaufen, Arzt, Ablage, Sport. Alles in Ruhe und ohne Stress. Hauptsache, der Kopf wird frei. Es ist erstaunlich, wie der Körper um 16 Uhr automatisch wieder hochfährt. Selbst ohne Kaffee.


Über Stefan Tillmann und sein Buch „Nie wieder Fußball!“
Stefan Tillmann arbeitet als Executive Creative Director im Münchener Büro von TERRITORY Core. In seinem Buch „Nie wieder Fußball!“ schreibt er über vier Fans, die eine Selbsthilfegruppe gründen, um von ihrer Sucht nach dem runden Leder loszukommen. Dafür treffen sie sich jeden Samstag pünktlich zur Bundesliga-Anstoßzeit um 15:30 Uhr – Statt ins Stadion oder die Fankneipe gehen sie auf den Trödelmarkt, in den Zoo oder setzen sich aufs Rad. Doch der Kampf gegen ihre Sucht wird schwieriger als gedacht.


Autor Michael Bieckmann
Michael Bieckmann | Redaktion | 
TERRITORY Content to Results | Gütersloh

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