Robby Hunke: Kommentieren aus der Quarantäne

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© Max Plotka

Ausgerechnet in der Corona-Krise feiert Sportschaukommentator Robert Hunke seine größten Social-Media-Erfolge. Mit kurzen Videos, in denen er Situationen aus seinem Alltag kommentiert, landet er im Netz einen Hit nach dem anderen. Seitdem steht sein Handy nicht mehr still: täglich über 5.000 Nachrichten, unzählige Interviewanfragen und zahlreiche Auftritte im Fernsehen, von Luke Mockridge über den Doppelpass bis hin zu den Tagesthemen. Wir haben mit dem aktuell gefragtesten Sportkommentator Deutschlands gesprochen – über BHs vor seiner Haustür, Langeweile in Quarantäne und die Zukunft des deutschen Profifußballs.


Was ist stressiger: Dein Alltag als Sportkommentator oder dein neuer Job in Quarantäne?
Im Moment ist das Leben als Quarantäne-Kommentator tatsächlich stressiger, aber auch schön. Die Medienanfragen bei mir explodieren. Ich musste den Handyakku schon einmal wechseln, weil mein alter den Geist aufgegeben hat von den ganzen Interviews. Ich habe gefühlt 120 Stunden am Stück telefoniert und über 75 Interviews an einem Tag gegeben. Dann habe ich aufgehört zu zählen. Parallel dazu bin ich noch alleinerziehender Papa. Als Fußballkommentator habe ich zwar auch stressige Wochen, aber aktuell kommentiere ich ja täglich.

Wie ist das, wenn der Sport, der sonst deinen Job ausmacht, durch den Corona-Virus komplett wegbricht?
Das war am Anfang sehr angsteinflößend. Und ich weiß, dass es für viele Kollegen auch weiterhin sehr angsteinflößend ist. Ich denke in diesen Tagen unter anderem an die Tonassistenten oder Ordner im Stadion, die noch deutlich schlechter bezahlt sind. Ich selbst bin jemand, der keine Angst hat und immer positiv an die Sachen herangeht. Dadurch ist mein Job als Quarantäne-Kommentator entstanden. Das war tatsächlich nicht geplant. Ich habe das einfach aus Langeweile gemacht, weil ich meinen Beruf und damit auch meine Berufung sehr vermisse.

Dein erstes Video wolltest du eigentlich gar nicht veröffentlichen. Wie kam es dazu, dass du es dann trotzdem gemacht hast?
Ich wollte es eigentlich einem Kumpel schicken, aber der hatte kein WhatsApp mehr. Dann habe ich es halt online gestellt. Ich hätte gedacht, dass es überhaupt niemanden interessiert, aber damit habe ich mich geirrt. Innerhalb von sechs Tagen sind meine Instagram-Follower von 900 auf 11.000 geklettert.

Fußballkommentator Robert Hunke
Fußballkommentator Robert Hunke im Interview mit den Tagesthemen | © twitter.com/robbyhunke

Was macht das aktuell mit dir?
Mir gibt das vor allem ein schönes Gefühl, die Leute in diesen düsteren Zeiten des Corona-Virus zu unterhalten und ihnen zumindest ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Ich bekomme jeden Tag weit über 5.000 Nachrichten. Die kann ich gar nicht alle lesen und beantworten. Aber ich lese sehr viel, weil mir das wichtig ist, was die Menschen denken und fühlen. Und alles, was ich lese, ist positiv. Die schönste Nachricht, die ich erhalten habe, war: „Du bist aktuell das emotionale Rückgrat Deutschlands.“ Das fand ich ganz wunderbar. Ich habe noch kein negatives Feedback bekommen. Und das obwohl Instagram und Twitter ja soziale Netzwerke sind, bei denen man ganz gerne durchbeleidigt wird.

Die positive Resonanz war auch vor deiner Haustür zu spüren.
Das war echt absurd. Da habe ich die Tür aufgemacht, weil ich mit meiner Tochter spazieren gehen wollte – und dann lagen da BHs mit Telefonnummern, drei verschiedene Sorten von Klopapier, die man mir schenken wollte und eine ganze Kiste Kölsch. Ich habe das aus hygienischen Gründen um die Ecke gestellt und dem örtlichen Bettler gegeben, der sich sehr gefreut hat. Aber nicht die BHs. Die habe ich in den Müll getan. (lacht)

Seitdem du drei bist, kommentierst du Situationen in deinem Leben. Welche kommentierst du denn neben dem Sport am liebsten?
Ich kommentiere alles. Am liebsten aber meine Freundin und meine Eltern. Als ich noch klein war, musste meine Mutter beim Kochen immer herhalten. Meine Freundin kommentiere ich gerne beim Yoga. Ich habe auch immer bei meinem Heimatverein aus dem Bergischen Land, dem TuS Untereschbach, mehr kommentiert als gespielt. Da habe ich mich auf dem Feld auch ganz gerne mal stärker geredet, als ich wirklich war. Das war vor allem beim Training – aber auch bei Spielen habe ich immer den Mund aufgerissen. Dass es irgendwann ein verbaler Job bei mir wird, war von Anfang an ziemlich klar. Ich war immer der erste, der mit dem Schiedsrichter diskutiert und der erste, der auf dem Platz rumgelabert hat. Also eigentlich genau so ein Typ Spieler, den man eigentlich nicht mag. (lacht)

Als Student hast du klein mit einem eigenen Fußballradio namens Fangeist angefangen, bei dem du Spiele der Regionalliga Nord kommentiert hast. Heute schreiben dir Bundesliga-Profis, weil Sie Teil in deinen Videos sein wollen. Musst du dich manchmal kneifen?
Das ist ganz, ganz viel Arbeit, die dahintersteckt. Zwar nicht beim Quarantäne-Kommentator, das mache ich alles spontan, aber bei normalen Spielen steckt da viel Arbeit hinter, auch viel nächtliche Arbeit. Drei Europacup-Spiele in der Woche kommentieren sich ja nicht von selber. 90 Minuten Spiele musst du extrem vorbereiten. Und auch so ein Bundesliga-Spiel am Samstag. Ich bin ein Vorbereitungs-Fetischist. Da unterscheidet sich auch die Arbeit zwischen dem Kommentator in Quarantäne und dem Bundesliga-Kommentator für die Sportschau. Was ich aktuell aus dem Home Office mache, ist ja weitestgehend spontan. Bei meiner normalen Arbeit bin ich vorbereitet ohne Ende. Soweit man ein Fußballspiel vorbereiten kann. Was bei beiden Situationen gleich ist: Du kannst dich eigentlich dann doch wieder nicht vorbereiten. Also du kannst nicht vorhersehen, was passiert, wenn du einen Ball aus dem Fenster wirfst und was der Passant damit macht. Und du kannst auch nicht sagen, wie du zu reagieren hast, wenn es in einem Champions-League-Spiel in der 90. Minute eine unberechtigte rote Karte gibt. Du musst live auf die Situation eingehen. Das hat etwas Echtes. Ich glaube, das mögen die Menschen.

Wie viel Vorbereitungszeit investierst du in ein normales Fußballspiel?
Wahnsinnig viel. Das sind bis zu drei Tage Vorbereitungszeit. Ich lese mir alle Statistiken durch. Wenn du am Ende davon 0,5 Prozent brauchst, dann ist es gut und dann hat es sich gelohnt. Aber diese 0,5 Prozent musst du dir erarbeiten. Du musst auch jede Schwachsinns-Statistik lesen. Zusätzlich telefoniere ich mit Leuten. Ich spreche meistens mit beiden Trainern, mit den Taktikanalysten beider Vereine und mit Journalistenkollegen. Da gehen dann schon zwei bis drei Tage ins Land. Das heißt, wenn ich Dienstag und Mittwoch Champions League kommentiere, Donnerstag Europa League und Samstag und Sonntag Bundesliga, dann muss ich mit der Vorbereitung schon eine Woche vorher anfangen.

Jetzt bist du aktuell auch durchgängig im Home Office. Hast du für unsere Leser ein paar Tipps, worauf es dabei zu achten gilt?
Habt genug Kaffee im Haus und versucht die Zeit irgendwie auch als Quality-Time zu sehen. Ich finde, es ist ein Privileg, bei der Arbeit gleichzeitig seine Tochter um sich herumspringen zu haben. Das ist bei mir im Moment der Fall. Im Home Office solltet ihr euch zudem nicht streiten. Ich wohne in einer Altbauwohnung in Köln, sehr hellhörig, und meine Nachbarn streiten sich nur. Zunächst dachte ich, dass es aufgrund des Corona-Virus in neun Monaten ganz viele Babys gibt. Im Moment glaube ich, dass es in neun Monaten ganz viele Scheidungen gibt.

Wie strukturierst du in diesen Tagen deinen Alltag?
Als Freelancer habe ich nie einen klassischen Alltag. Daher bin ich es sowieso gewohnt, total azyklisch zu arbeiten. Das Home Office, wo ich ja sowieso 100 Prozent meiner Spielvorbereitung mache, ist für mich tatsächlich gar nichts Besonderes.

Welche Beschäftigungen kannst du denn gegen Langeweile empfehlen?
Ich weiß tatsächlich gar nicht, wie sich Langeweile anfühlt. Deshalb bin ich da kein guter Ratgeber. Aber man kann sich zum Beispiel meine Clips anschauen oder aktuell auf der Website der Sportschau sehr geile alte Fußballklassiker gucken. Ansonsten empfehle ich aber auch einfach mal ein Buch zu nehmen, das entschleunigt sehr.

Welches war denn dein letztes?
Zuletzt habe ich „Wut ist ein Geschenk“ gelesen. Das ist vom Enkel von Mahatma Gandhi, der erzählt, wie man mit Wut umgeht. In Zeiten, in denen man sich im Home Office befindet und sich vielleicht mal mit der Familie streitet, ist das gar nicht so schlecht. Das habe ich zuletzt gelesen, bevor der ganze Wahnsinn hier losging. Ich bin aber leider noch nicht ganz durch.

Und welche Serie läuft, wenn du mal eine freie Minute hast?
Ich bin tatsächlich nicht so der Serien-Typ. Ich schaue eher Filme. Zuletzt habe ich „Die Agentin“ gesehen. Ein sehr geiler Film mit Diane Kruger, der mir persönlich sehr viel gegeben hat. Er spielt in Tel Aviv, Teheran, Köln und Leipzig. Das sind tatsächlich alles vier Orte, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe. In Leipzig habe ich für den Fußballsender 90elf kommentiert und in Köln bin ich großgeworden. Zu Tel Aviv habe ich aufgrund meiner jüdischen Herkunft einen Bezug und zu Teheran, weil meine Freundin Halb-Iranerin ist.

Wie denkst du geht es mit dem Fußball in den nächsten Monaten weiter?
Ich glaube, dass das erste Spiel mit Zuschauern in vollem Stadion bei jedem Fußballverein auf der Welt etwas ganz Besonderes werden wird. Wenn dir etwas genommen wird, das du vermisst, dann ist das erste Mal danach etwas ganz Bemerkenswertes. Ich vergleiche das mit meiner Tochter. Wenn ich nach Turnieren wie der EM oder WM nach mehreren Wochen zurück nach Hause komme, schließe ich sie natürlich umso stärker in die Arme, als würde ich sie jeden Tag sehen. Ich glaube nicht, dass es in Zukunft noch dasselbe Fußballgeschäft sein wird. Es wird super spannend sein, das zu sehen. Ich hoffe einfach nur, dass die Menschen die aktuelle Zeit nicht vergessen und wir nicht nach ein, zwei Monaten wieder hasserfüllte Fanszenen haben.

Vervollständige zum Abschluss diesen Satz: Ein Sportkommentatorenleben ohne Sport ist wie …
(denkt nach) Gin Tonic mit alkoholfreiem Gin. Ich habe tatsächlich neulich alkoholfreien Gin geschenkt bekommen. Eine absolute Frechheit. (lacht) Die Flasche habe ich an eine Schwangere weiterverschenkt. Aber nochmal zurück zu der Aussage: Eigentlich ist mein Leben aktuell ganz normal. Schließlich kann man zu allen Situationen einen Sportkommentar abgeben #lifecommentaring. (lacht)


Autor Michael Bieckmann
Michael Bieckmann | Redaktion | 
TERRITORY Content to Results | Gütersloh

Kennt die Stimme von Robby Hunke schon seit 2007.

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