Ohne Angst durch die Corona-Krise

|

© Getty Images

Das öffentliche Leben ist heruntergefahren, Leben und Arbeiten findet für viele Menschen auf ein paar Quadratmetern statt und die wirtschaftlichen Folgen sind bisher kaum zu beziffern – das Coronavirus hinterlässt rund um die Welt seine Spuren. Und es kann Ängste auslösen. Der Arzt und Psychologe Bert te Wildt erklärt, wie man damit umgehen kann.


Viele Menschen kennen Ängste, beispielsweise vor Terroranschlägen und Krankheit, oder Existenzsorgen. Hat die Angst vor dem Coronavirus eine neue Qualität?
Auf jeden Fall ist die Situation so außergewöhnlich, dass man momentan Vergleiche zu schwersten Krisenzeiten zieht, etwa zum Zweiten Weltkrieg. Das klingt übertrieben, aber wenn man an eine Ausgangssperre denkt und sich fragt, ob es zu Anarchie kommen könnte, ob die Versorgung vielleicht nicht mehr gewährleistet werden kann und Kriminalität um sich greift, dann kann ich solche Befürchtungen schon verstehen. Auch ich muss meine Ängste immer mal wieder runterdimmen und mich fragen: Worum geht es gerade eigentlich wirklich? Es geht vor allen Dingen darum, die Schnelligkeit und Ausbreitung dieses Virus zu begrenzen, damit das Gesundheitssystem die schwer erkrankten Menschen versorgen kann. In zweiter Linie geht es um einen rasanten ökonomischen Verfall, der ganz andere Ängste auslöst. Ich finde, diese beiden Angstszenarien – die Angst, sich zu infizieren, und die Existenzangst – sind schon sehr dramatisch.

Was empfehlen Sie, um mit diesen Ängsten umzugehen?
Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren und sich immer wieder vor Augen zu führen, dass man selbst wahrscheinlich nicht oder wenig gefährdet ist, wenn man nicht hoch betagt ist oder eine schwere Vorerkrankung hat. Nur ein kleiner Teil der Infizierten hat überhaupt Symptome, noch viel weniger haben einen schweren Verlauf. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch wichtig sich zu fragen, inwieweit Corona mit seinen Folgen den eigenen Lebensstil in Frage stellt. Manches wird nach der Krise nicht mehr so sein wie vorher und das ist teilweise auch gut so. Das kann helfen, sich ehrlich zu fragen, ob wir als Gesellschaft zu überempfindlich, übersensibel und überängstlich waren mit Dingen, die uns nach der Krise wie ein Witz erscheinen werden.

„Jetzt ist die Zeit, positive Gewohnheiten und Rituale zu etablieren.“

Bert te Wildt

Dr. Bert te Wildt | © Psychosomatische Klinik Kloster Dießen

Was kann man noch tun?
Mal abschalten und sich nicht rund um die Uhr von den Medien zum Corona-Thema berieseln lassen. Der Kontakt zu echten Menschen, sei es via Telefon, Chat oder Brief, ist ein ganz wichtiger Faktor. Auch um sich zu beruhigen, wenn man Angst hat und sich fragt, wie es weitergehen soll.
Wichtig ist es auch, nicht zu bequem zu werden, Form und Haltung zu wahren. Das heißt, den Tag ein Stück weit durchzustrukturieren und Ordnung zu halten. Denn Ordnung gibt Halt, räumt die Gedanken auf und kann auch eine Maßnahme gegen Angst sein. Körperliche Bewegung in Form von Ausdauersport ist ein weiteres bewährtes Antidepressivum. Wer nicht laufen oder Fahrrad fahren kann und keinen Heimtrainer zuhause hat, kann auch mit Liegestützen und Sit-ups ins Schwitzen kommen. Schließlich empfehle ich, Dinge zu organisieren, zu denen man sonst nie gekommen ist, und sich konkrete Pläne für die Zeit nach der Krise zu machen.

Bis auf Weiteres sollen soziale Kontakte möglichst nur über digitale Medien stattfinden. Welche Folgen kann das haben?
Wir werden hoffentlich irgendwann sagen können, dass die digitalen Medien ein wahrer Segen in der Krise waren. Webcam-basierte Telefonate, Online-Fortbildungen, Online-Konferenzen – ich bin überzeugt davon, dass die digitale Technologie zu Hochform auflaufen wird. Wir stellen fest, dass auch Webcam-basierte Gespräche mit Patienten hilfreich sind. Ich glaube, dass die digitale Technologie dazu beitragen wird, diese Krise zu überstehen. Viele Menschen werden jetzt mehr oder weniger freiwillig ins Home Office gezwungen und können dort mal in Ruhe arbeiten, machen weniger Dienstreisen – das kann durchaus seine Vorteile haben und manche Menschen genießen das im Moment noch.
Aber ich bin schon besorgt, dass die Zahl der Internetsüchtigen stark steigen könnte. Etwa, wenn Schülerinnen und Schüler keine anderen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bekommen als Computerspiele und soziale Medien, oder Erwachsene alleinstehend sind. Allerdings kann man ja gegensteuern und mal wieder analogen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, beispielsweise Brett- oder Kartenspiele spielen oder gemeinsam Sport von zuhause aus machen. Ich denke, die Menschen werden erfinderisch werden und sich zum Beispiel Lebensmittel bestellen und kochen lernen. Dafür gibt es Tausende von Tutorials. Man kann ganze Studiengänge von zuhause aus absolvieren – und davon wird man sicher nicht süchtig. Insofern hängt es von jedem Einzelnen ab, wie damit umgegangen wird, dass wir plötzlich Hygge und Cocooning im Überfluss haben.

Was raten Sie denn?
Es ist jetzt wichtiger denn je, sich zu disziplinieren. Das betrifft nicht nur unseren digitalen Konsum, sondern alle Lebensbereiche wie Essen, Körperpflege, Alkohol und Rauchen. Wer jetzt in negative Gewohnheiten und Rituale abstürzt, kommt da in den nächsten Wochen und Monaten wahrscheinlich nicht mehr raus. Darum ist es jetzt ausschlaggebend, sich zu fragen, was man will und was einem gut tut. Jetzt ist die Zeit, positive Gewohnheiten und Rituale zu etablieren. Dazu gehört, die erste und letzte Stunde des Tages analog zu verbringen oder auch, einander in der Badewanne Geschichten vorzulesen und beim gemeinsamen Essen auf Bildschirmmedien zu verzichten. Es gibt ganz viele Möglichkeiten.


Dr. Bert te Wildt ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen und Professor an der
Ruhr-Universität Bochum. Im Home Office setzt er auf digitale Technik, um seinen Patienten trotz
Social Distancing nahe zu sein. 

Vorheriger Artikel

Aus dem Netz gefischt – Fundstücke der Woche (03)

Fotograf Philipp Reinhard:
Home Office statt Olympia

Nächster Artikel