Fotograf Philipp Reinhard:
Home Office statt Olympia

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© Philipp Reinhard

Die Sportwelt steht still – und damit auch die Arbeitswelt von Philipp Reinhard. Statt als Teamfotograf des DFB-Teams und der Basketballer der HAKRO Merlins Crailsheim ein Spiel nach dem anderen zu besuchen, sitzt er aktuell Tag für Tag im Home Office. Im Interview spricht der Sportfotograf über geplatzte Träume, seine Wünsche an die Sportwelt und Tipps gegen Langeweile.


Philipp, eigentlich hattest du einen Traum-Sommer vor dir. Du wärst als Sportfotograf und Filmemacher bei der Fußball-Europameisterschaft, den Olympischen Spielen und den Basketball-Play-Offs dabei gewesen. Aufgrund des Corona-Virus wird aus alledem jetzt nichts. Hast du das schon verdaut oder dauert der Prozess noch an?
Es ist schwierig, das alles so richtig zu verstehen und zu verarbeiten. Ich bin Optimist und konnte mir bis vor Kurzem nicht vorstellen, dass ein Virus die Welt und den Sport so durchrüttelt. Aber natürlich sind die Absagen das einzig Richtige im Moment, auch wenn das super schade für uns alle ist. Das wären meine ersten olympischen Spiele gewesen und die Europameisterschaft mein zweites großes Fußballturnier. Der Sommer war gefüllt mit vielen schönen Dingen, die es zu fotografieren und filmen gab. Das Schöne an der Sache ist, dass das alles im nächsten Jahr nachgeholt wird. Aber was nächstes Jahr definitiv nicht in der Form nachgeholt werden kann, sind die Basketball Playoffs mit dem aktuellen Kader. Wir, also die HAKRO Merlins Crailsheim, haben eine so besondere Truppe zusammen, das scheint einmalig zu sein mit dem kleinsten Budget der gesamten Liga.

Als Teamfotograf der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist Philipp Reinhard viel unterwegs

Die Saison der HAKRO Merlins Crailsheim hattest du bis zum Shutdown durch die Corona-Pandemie filmisch mit der Kamera begleitet.
Genau. Nachdem wir in der vergangenen Saison ganz knapp die Liga gehalten hatten, war in diesem Jahr alles anders. Man konnte von Beginn an spüren, dass wir ein gutes Team beieinanderhaben. In den letzten Jahren hatten wir immer einen Bildband von der Saison gemacht, aber für diese Saison bot sich zusätzlich eine Dokumentation an. Ich habe also von vornherein ein bisschen gefilmt und nach fünf Ligaspielen hatten wir dann auch tatsächlich fünf Siege eingefahren. Dann war für mich klar, dass wir das Doku-Thema angehen müssen.

Wie ging es dann weiter?
Ich hatte mir ein Konzept überlegt, dass dann gemeinsam weiterentwickelt wurde. Es gab Gespräche mit dem Coach, die Spieler wurden eingeweiht und auf einmal war ich überall dabei. Wir hatten auf Anhieb eine kleine Cinderella-Story vom Team der kleinsten Stadt der ersten Bundesliga mit dem kleinsten Budget, das aktuell auf Platz drei steht und zwischenzeitlich ungeschlagen auf Platz eins stand. Das waren schon supergeile Erlebnisse und viele Emotionen. Durch die Unterbrechung der Saison aufgrund des Corona-Virus mussten wir in den letzten Wochen natürlich nochmal das komplette Skript umdenken. Aber wir haben es im Basketball glaube ich zum ersten Mal geschafft, eine Doku auf die Beine zu stellen, die super, super nah dran ist – mit den Ansprachen vor und nach dem Spiel und in der Halbzeit. Ab dem 25. April erscheint jeden Samstag eine neue Episode der vierteiligen Doku auf Magenta Sport und unter pure-magic.de.

Am Samstag, 25. April 2020, erscheint der erste Teil der vierteiligen Dokumentation über die HAKRO Merlins Crailsheim

Mit dem Doku-Projekt bist du aktuell also noch gut ausgelastet. Wie gehst du denn mit deinen sonstigen Auftragseinbrüchen um?
Ich will die Situation nicht schönreden, aber ich versuche aktuell das Beste daraus zu machen. Ich gehe Sachen an, die ich lange vor mir hergeschoben habe, weil ich zeitlich nicht dazu gekommen bin. Ich digitalisiere mein analoges Archiv, kümmere mich um das Thema Fortbildung und habe meine Website komplett überarbeitet und befüllt. Zudem habe ich kurz vor dem Corona-Shutdown mit Zehnkämpfer Tim Nowak einen Film gedreht, der auch noch geschnitten werden muss. Und es wird auch noch ein kleines Magazin über meine Kolumbien-Reise geben. Es gibt da sehr viel auf der Liste, das noch abgearbeitet werden möchte. Ich bin aktuell nicht schlecht drauf. Ich versuche jeden Tag, etwas Geiles zu machen. Ich stehe sogar früher auf als sonst und arbeite meine zehn bis zwölf Stunden, weil mir alles eine Menge Spaß macht. Aber eben in etwas anderer Form. Man arbeitet im Home Office, plant viel, knüpft Kontakte, führt Gespräche und arbeitet Konzepte aus.

Denkst du aktuell auch über digitale Erlösmodelle nach?
Natürlich überlegt man, wie sich digital der eine oder andere Euro dazuverdienen lässt, gar keine Frage. Aber Fakt ist auch, dass mein Content in diesem Falle nicht digitalisierbar ist. Ich kann nicht hier aus dem Home Office irgendjemanden fotografieren. Für private Coachings bin ich persönlich gar nicht so der Typ im Moment und ich will auch nicht zum großen Influencer werden und meine Reichweite im großen Stil monetarisieren. Digitale Erlöse erziele ich lieber über den Verkauf gedruckter Bilder oder mit einem Magazin. Aber da ist ja auch nur die Distribution digital, der Rest bleibt analog.

Philipp Reinhard ist als Teamfotograf und Filmemacher auch beim Basketball-Bundesligisten HAKRO Merlins Crailsheim tätig

Welche Lehren ziehst du für dich persönlich aus der aktuellen Corona-Krise?
Zunächst einmal sollte man Momente noch mehr genießen und schätzen. Und man sollte Dinge einfach schnell umsetzen, aber das habe ich auch vorher schon immer versucht. Als Fotograf glaube ich nicht, dass ich jetzt mein komplettes Geschäftsmodell umstellen muss. Ich rechne nicht damit, dass es uns jetzt alle drei Jahre in diesem Maße treffen wird.
Ich hätte ja auch Möglichkeiten, von Kunden Geld zu fordern, weil es da Verträge gibt und AGBs. Aber ich glaube, aktuell zählt nur, die Gesellschaft beieinander zu halten und eine gewisse Solidarität an den Tag zu legen. Wenn man aus dieser Zeit den Schluss zieht, strengere AGBs zu machen und Kunden ausbluten zu lassen, dann ist das meiner Meinung nach ein falscher Weg. Es sollte alles menschlich und weitestgehend normal bleiben. Das wünsche ich mir auch in der Sportbranche.

Inwiefern?
Ich denke, dass wir jetzt alle füreinander da sein und uns gegenseitig soweit es geht helfen sollten. Die Leute hinter dem Team und in den Geschäftsstellen, genauso wie Spieler und Sponsoren. Alle müssen wieder gemeinsam an einem Strang ziehen, um diese Krise zu meistern. Und natürlich würde ich mir wünschen, dass die Spieler ihrem Verein treu bleiben, gerade bei unserer aktuellen Situation im Basketball (lacht). Abseits vom Profifußball haben es die Vereine vermutlich auch nochmal schwerer, durch diese Krise zu kommen.

„Man muss sich bewusst sein, dass man vielleicht nie wieder so viel entspannte und entschleunigte Zeit hat wie in der aktuellen Situation.“

Fotograf Philipp Reinhard

Philipp Reinhard | © Julian Wedel

Wann und in welcher Form es mit dem Sport in den nächsten Monaten weitergeht, ist aktuell weiter fraglich. Wie planst du deine nächsten Monate?
Die nächsten Monate kann man nicht planen, weil wir alle nicht wissen, wie es weitergehen wird. Ich bin natürlich viel von Events und Großveranstaltungen abhängig. Und da wird es wohl noch lange dauern, bis es wieder losgeht. Ich plane daher recht kurzfristig. Aber das ist sonst auch so. Es kommt öfter vor, dass ich montags noch nicht weiß, was die nächsten Tage ansteht und auf einmal drei Wochen nonstop unterwegs bin (lacht). Ich denke, das wird auch wieder so sein, wenn sich die Corona-Lage entspannt. Dann wird alles wieder anrollen und ich werde wieder viel unterwegs sein. Und bis dahin habe ich noch genug auf dem Zettel.

Vor allem verbringst du bis dahin aber auch viel Zeit in den eigenen vier Wänden. Wie gehst du das an?
Haha, das ist richtig. Da gibt es das kleine Home Office 1×1, das man als Selbstständiger lernen muss. Sich den Tag zu strukturieren und wirklich auch aus dem Bett zu kommen. Duschen, Zähne putzen und frühstücken. Das klingt so banal, aber nach zwei Wochen daheim hat sich mit Sicherheit mancher schon dabei erwischt, mit Jogginghose zu arbeiten und sich vielleicht auch erst um 16 Uhr die Zähne zu putzen. Ging mir damals ja auch so, als ich mich selbstständig gemacht hatte und das Büro in der eigenen Bude war. Meine Empfehlung: Geht spazieren, kocht was Leckeres, macht auch mal Pausen und klappt den Rechner irgendwann zu. Nach Feierabend nehme ich mir gern mal ein Buch. Ich bin aber auch kein großer Fernseh- und Serien-Fan. Am Wochenende stehe ich gern früh auf, um spazieren zu gehen und für mich zu sein. Man muss sich ja auch bewusst sein, dass man vielleicht nie wieder so viel entspannte und entschleunigte Zeit hat wie in der aktuellen Situation.

Philipp Reinhard und Lukas Podolski
Fotograf Philipp Reinhard begleitete Lukas Podolski und seinen damaligen Verein Vissel Kobe ins Trainingslager nach Okina | © Philipp Reinhard

Hast du die Kamera bei deinen Spaziergängen denn weiterhin im Gepäck?
In der Freizeit habe ich normalerweise immer meine analoge Leica M6 dabei. Aber es fällt mir aktuell tatsächlich schon ein bisschen schwer, weil man draußen irgendwann nur noch dieselben Wege geht. Und ich bin auch nicht der größte Wald- oder Tierfotograf. Ich liebe Geschichten, ich liebe Menschen. Ich möchte rausgehen und Situationen erleben. Und ich glaube jeder Weg ins Café bringt mir mehr Lust, die Kamera zu nehmen, als der Mittagsspaziergang durch den Wald. Dabei kann zwar auch etwas Schönes herauskommen, aber da versuche ich tatsächlich momentan eher abzuschalten und auch Abstand zu gewinnen. Aber in sonstigen Fällen hängt mir eigentlich immer eine Kamera um, nur gerade zwinge ich mich nicht dazu.

Was vermisst du denn in der aktuellen Situation am meisten?
Mir fehlen vor allem die spontanen Tage, an denen sich viele Sachen ändern. Und mir fehlt das Zusammensein mit den Menschen. Ich bin schon ein kommunikativer Typ, der gerne Leute um sich herum hat. Ich bin zwar auch gerne mal für mich, aber ich liebe es zu reisen, etwas Neues zu sehen, überrascht zu werden und neue Leute kennenzulernen. Das fehlt mir aktuell schon ziemlich. Umso mehr freue ich mich, wenn ich demnächst wieder rausgehen und vor Ort sein kann.

Auch Basketball-Legende Dirk Nowitzki ließ sich bereits von Philipp Reinhard ablichten

Zum Abschluss: Welche drei Bücher kannst du unseren Lesern für die Zeit zu Hause empfehlen?

  1. The Great Nowitzki von Thomas Pletzinger.
    Das ist definitiv eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Nicht nur die Geschichte von Dirk Nowitzki ist unglaublich, auch die Perspektive, die Thomas (Thomas Pletzinger, Autor aus Berlin) einnimmt und welche Einblicke er geschaffen hat. Ein super Typ, der Thomas. Und wenn man die eine oder andere Geschichte dahinter kennt, ist es noch einmal etwas Besonderes. Das ist auf jeden Fall ein Buch, das sehr kurzweilig zu lesen ist, aber trotzdem viel Zeit füllen kann, weil man sich sehr gut da hineinversetzen kann.
  2. Das Café am Rande der Welt von John Strelecky
    Das Buch habe ich bei meinem letzten Trip nach Kolumbien gelesen, wo das Leben ein bisschen entschleunigter ist. Vor allem in der aktuellen Situation ist das Buch absolut empfehlenswert, weil man die Zeit hat umzudenken.
  3. Der Vorleser von Bernhard Schlink
    Ein absoluter Klassiker, der mir sehr gut gefallen hat.

Vielen Dank für deine Zeit, Philipp.
Vielen Dank für das Interview, Michael. Bis bald und beste Grüße!


Über Philipp Reinhard
Als international agierender Fotograf und Filmemacher fokussiert sich Philipp Reinhard auf die Bereiche Reportage und Porträt. Ob als Teamfotograf der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft oder des Basketball-Bundesligisten HAKRO Merlins Crailsheim – Reinhard ist immer nah dran und mitten im Geschehen.
Umfangreiche Einblicke in seine Arbeit gewährt Philipp Reinhard auf seinem Instagram-Profil und auf seiner Website www.philippreinhard.com


Autor Michael Bieckmann
Michael Bieckmann | Redaktion | 
TERRITORY Content to Results GmbH | Gütersloh
 
Ist bei Fußballspielen selbst häufig mit einer Kamera ausgestattet. 


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