Die Kolumne aus dem Office:
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

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Kurzarbeit macht Arbeit. Klingt schräg, ist aber notwendig und zugleich eine ernste Herausforderung für Unternehmen. Das gilt auch für das Vertrauen in die Mitarbeiter und ihre Entscheidungskraft. Territory Geschäftsführer Stefan Postler blickt auf über 30 Tage im Home Office und freut sich schon jetzt auf den Moment, endlich wieder in der Schlange am Büro-Kaffeeautomaten zu stehen.


Tag 30 Home Office: Der Bluetooth-Lautsprecher spielt gerade „No Goodbye“ von Paul Kalkbrenner. Vom Inselradio Mallorca ins Arbeitszimmer gestreamt. Meine kleine Flucht in Zeiten von Corona. Aber was soll ich mit „No Goodbye“ anfangen? Als Aufhänger für diese Zeilen taugt es nicht. Zu bedeutungsschwer, in zu viele Richtungen interpretierbar. Also kein Goodbye, aber Zeit, nach sechs Wochen Home Office mal auf mögliche Fehler zu schauen. Ich habe einige gemacht, und den schlimmsten spüre ich jeden Tag. Leichtfertig habe ich allen Kolleginnen und Kollegen versprochen: „Ich lasse mir einen Bart wachsen solange ihr im Home Office seid.“ Wenn ich sonst auch so leichtfertig wäre – inzwischen tauge ich als Heidis Großvater und überlege, Buchungen als Nikolaus und Weihnachtsmann anzunehmen.

Kurzarbeit macht Arbeit. Und setzt Vertrauen voraus.

In einigen Teilen der Agentur sind wir inzwischen in Kurzarbeit. Hätte nie gedacht, dass wenig Arbeit so viel Aufwand bedeutet. Auch hier hat sich die Regel „Führen heißt Vertrauen“ bewahrheitet. Von Kurzarbeit hatte bei uns niemand Ahnung. Die Personaler, die sich ganz tief reingearbeitet haben, genießen mein Vertrauen. Geht auch gar nicht anders. Aber: Wenn irgendetwas falsch läuft, bin ich verantwortlich. Macht mich das schlaflos? Nein. Wir arbeiten schon immer nach dem Prinzip der Delegation von Verantwortung – in der Agentur sind es die Kolleginnen und Kollegen gewohnt, eigenverantwortlich zu handeln. Mit dem notwendigen Freiraum dafür. Das ist nur nicht mehr so aufgefallen, weil es selbstverständlich ist, weil es zu unserer DNA gehört. Der ungewohnte Antrag auf Kurzarbeit hat die Selbstverständlichkeit unseres Vertrauens in die dezentrale Verantwortung mal wieder aufleuchten lassen. Und für ein gutes Gefühl gesorgt.

Alle geben ihr Bestes. Und es funktioniert.

Ich habe mich vor diesem Hintergrund gefragt, ob ich das Unternehmen in Zeiten von Corona neu kennenlerne oder anders wahrnehme. Darüber hatte ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht, wahrscheinlich weil die Antwort in beiden Fällen „nein“ ist. In Extremsituationen kommen gute wie schlechte Eigenschaften ans Tageslicht. Auf die Verlässlichen kann man sich noch mehr verlassen und – STOP! – mir wird gerade bewusst, dass sich doch wohl etwas verändert hat. Wollte gerade schreiben „und da wo ich schon immer etwas genauer hinschauen musste…“, aber das stimmt nicht. Auch da läuft es selbstständig gut. Und das sicher unter erschwerten Bedingungen mit wenig Platz, unbetreuten Kindern im Haushalt und Sorgen um nahe Angehörige. Alle geben ihr Bestes. Und es funktioniert. War lange nicht mehr so stolz auf die Truppe.
Aber ob man wie Arbeitsminister Hubertus Heil Home Office gleich als Recht der Arbeitnehmer verankern muss? Noch mitten in der Krise, ohne nachhaltige Erkenntnisse? Wirkt so ein bisschen wie Populismus. Wollen hoffen, dass das nicht die nächste Stufe der Politik ist, wenn die Krise endgültig im Griff ist und alte Verhaltensweisen (leider) wieder greifen. Bei uns ist zu spüren, dass alle endlich wieder ins Büro kommen wollen. Sich auf den Stau am Kaffeeautomaten freuen, den zu laut telefonierenden Kollegen im Großraumbüro und die Suche nach einem Parkplatz, wenn man nach halb zehn kommt. Und danach wird es mehr Home Office geben. Ganz klar. Da wo möglich und für Unternehmen und Mitarbeiter passend. Auch ohne gesetzliche Regelung. Alles andere wäre ja auch blöd.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und kann helfen.

Wir leiden weiter mit unseren Kunden. Berührt hat mich der Aufruf des Deutschen Jugendherbergswerkes, das fast vollständig durch die Maschen der Rettungsnetze rutscht. Viele Herbergen in ganz Deutschland stehen ohne staatliche Hilfen vor dem Aus. Das darf nicht sein. Wer mithelfen will, das zu verhindern, findet unter diesem Link eine Petition an die Politik: Hier teilnehmen

Ach übrigens: Immer wieder werde ich gefragt, wie ich in Zeiten von Corona dies sehe, das beobachte oder jenes finde. Dazu mal ganz klar: Die Welt braucht meine Meinung dazu nicht. Wenn mich zur Zeit eines nervt, dann sind das die echten oder sogenannten Experten. Fünf Fachleute, sieben Meinungen – und alle immer total richtig. Und da wo eine neue Sicht der Dinge geäußert wird, kann man bis drei zählen und der nächste Experte betont das genaue Gegenteil. Corona ist auch die Zeit der Eitlen, der Rampenlichtsüchtigen. Nehmt euch in Acht vor ihnen! Ich folge ihnen nicht mehr. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich bis heute nicht von Corona geträumt habe. Immerhin bis zum Tag 30 im Home Office.


Autor Stefan Postler
Stefan Postler arbeitet seit 24 Jahren im Agenturgeschäft 
und ist Geschäftsführer von Territory am Standort Gütersloh. 
Um ein Stück Normalität und gute Tradition zu wahren, fährt 
er jeden Tag ins Büro und schmettert beim Betreten der leeren
Räumlichkeiten ein lautes „Guten Morgen“ in die Runde. 
Dabei denkt er an die vielen Kolleginnen und Kollegen, die jetzt im
Home Office verweilen. 

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