Die Kolumne aus dem Office:
Krise, Koller und Kommunikation

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© Stefan Postler

Agenturen sind der Corona-Krise völlig hilflos ausgeliefert? Bullshit, sagt Territory Geschäftsführer Stefan Postler. Warum es jetzt auf das Wir-Gefühl ankommt, wie er den Lagerkollerfrust zu spüren bekommt und warum Ruhe bewahren ein Zeichen starker Führung ist.


„Tag 10 Home Office“ habe ich gerade die regelmäßige Mail an alle Kolleginnen und Kollegen übertitelt. „Tag 10“ hört sich schon nach Gewohnheit an. Aber Gewohnheit wird das alleine Arbeiten für mich nie werden. Ich sitze in meinem Büro – mein persönliches Home Office. Denn ich bin hier alleine. Einzig der Kaffeevollautomat verströmt etwas Wärme. Und ab und zu mal ein Kaffee. Die Heizung im Gebäude ist aus, und auch die Wärme der Menschen, die hier sonst rumwuseln und kreative Energie verströmen, fehlt mir.

„Tag 10 Home Office“: keine Gewohnheit, aber doch so etwas wie ein Rhythmus. 8.45 Uhr: „Corona-Video-Konferenz“ mit allen Geschäftsführern, wie jeden Tag. Ein guter Tag ist es, wenn kein großer Auftrag storniert wurde. Heute war so ein guter Tag. Aber alle in der Runde sind sich sicher, dass es in der nächsten Woche kaum gute Tage geben wird. Unsere Kunden leiden, und wir leiden mit. Kurzarbeit wird greifbarer. Kurzarbeit! In einer Agentur! Das war vierundzwanzig Jahre für mich unvorstellbar. Jetzt bin ich entschlossen, jede Möglichkeit zu nutzen, um die tolle Truppe hier zusammenzuhalten. Denn irgendwann wird Corona im Griff sein – vorbei nie. Und dann werden wir wieder loslegen.

Mit meinen Führungskräften ergab sich in unserem Video-Call eine Diskussion, ob wir nicht – wie viele andere Agenturen – ein öffentliches Statement abgeben müssen: „Wir sind für Sie da, wir lassen nicht nach, wir stehen zusammen, wir sind toll, wir …“ Bullshit. Diese öffentlichen Bekenntnisse helfen nur den Schreibern ein bisschen gegen ihre Hilflosigkeit. „Wir“ sind nicht hilflos. „Wir“ können die Auftragsstornierungen nicht verhindern. Aber „Wir“ perfektionieren Tag für Tag unsere Zusammenarbeit aus dem Home Office. „Wir“ verblüffen unsere Kunden mit reibungsloser Arbeit und tadelloser Leistung von Teams von jeweils fünf, zehn oder zwanzig Menschen, die aus fünf, zehn oder zwanzig Gästezimmern, Ankleidezimmern oder Kellerräumen so arbeiten, als würden sie Tisch an Tisch in unseren Agenturräumen sitzen. „Wir“ bereiten uns schon auf die Zeit „danach“ vor, denn „Wir“ stoppen nicht unsere ehrgeizigen Projekte. „Wir“ denken sie jetzt noch besser durch. „Wir“ haben jetzt noch mehr Lust darauf.

Führung ist menschlich, ausflippen auch  

„Wir“ sind aber auch nur Menschen. Und an „Tag 10 Home Office“ haben die ersten ihre Lagerkoller-Premiere hinter sich. Ich auch. Ein ausgeschalteter Getränkeautomat (aus Kostengründen!) hat mich ausflippen lassen. Keine Coke Zero, aber dafür endlich ein Grund, mal so richtig zu schimpfen. Hört ja keiner. War mir aber zweiunddreißig Stufen und zwei Etagen später vor meinem Büro schon peinlich. Aber mir ging´s dann wieder gut. Muss ja auch stark sein, gerade jetzt. Alle schauen auf die Führung und so manche/r definiert die berufliche Einstellung zur Krise aus dem Verhalten der Führungskräfte. Glück gehabt, bei uns wackelt niemand.

Als Felsen in der Brandung sind wir das Bollwerk gegen Frust und Niedergeschlagenheit. Und als Leuchttürme Orientierungsgeber für unseren Weg in der und durch die Krise. Nie war Führung wichtiger als heute. Hier wird in so mancher Agentur schon jetzt der Weg in Niedergang oder Erfolg vorgezeichnet. Wetten, dass im Falle des Niedergangs immer die Umstände schuld waren, nie der innere Kern? Das ist das einzig Bequeme an Corona. Wer will, kann die Verantwortung für eigenes Fehl- oder Nichthandeln ohne große Probleme weitergeben. Corona ist schuld – das glaubt jeder sofort. 

Werte, Wein und keep going

Ich werde immer wieder gefragt, was ich denn persönlich anders mache in den Zeiten von Corona. Meine auch für mich überraschende spontane Antwort: nichts! Natürlich abgesehen von den Konsequenzen der Kontaktsperre. Wirklich nichts? Ja, wirklich nichts. Corona ist eine große, nie dagewesene Krise. Aber all das, was bei den täglichen Herausforderungen, den vergangenen kleinen und mittleren Krisen richtig war, ist auch jetzt nicht falsch. Authentizität, Kontinuität, Werteorientierung und Entschlossenheit waren schon immer richtig und sind es jetzt erst recht. Auch bei Corona. Blinder Aktionismus, Aktionen auf der Showbühne oder am anderen Ende Wegducken wird spätestens nach Corona als falsch entlarvt. Ruhe bewahren ist jetzt die erste Führungspflicht. 

Und privat? Ich trinke nicht mehr Wein – aber auch nicht weniger. Die meisten meiner Freunde wohnen weit weg, da war auch in Zeiten ohne Kontaktsperre das Telefon erste Wahl. Und nicht mehr die Qual der Wahl zu haben, welche Einladung, welche Veranstaltung ab- oder zugesagt wird, ist immer noch ganz schön, am „Tag 10 Home Office“… 


Autor Stefan Postler
Stefan Postler arbeitet seit 24 Jahren im Agenturgeschäft 
und ist Geschäftsführer von Territory  am Standort Gütersloh. 
Um ein Stück Normalität und gute Tradition zu  wahren, fährt 
er jeden Tag ins Büro und schmettert beim Betreten der leeren
Räumlichkeiten ein lautes „Guten Morgen“ in die Runde. 
Dabei denkt er an die vielen Kolleginnen und Kollegen, die jetzt im
Home Office verweilen.  


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